Buchwerkstatt Baues






Traditionelles Handwerk

Von Matthias’ Beutelbuch inspiriert

Von Ronald Larmann, 28.01.12, 14:28h

Stephanie Baues' Los war es, Buchbinderin zu werden – daran besteht kein Zweifel, wenn sie mit leuchtenden Augen von ihrem Handwerk erzählt: „Das ganze Haus steht voll mit meinen Werkzeugen – außer im Schlafzimmer.“


Zipfelmützen? Nein, zwei Beutelbücher stehen auf einem Buch mit Büttenpapier und Holzdeckel-Einband mit Lederrücken. Foto: © Ronald Larmann


KALENBERG - Der heilige Matthias wurde nach einer Überlieferung per Los-Entscheid in die Riege der zwölf Apostel aufgenommen. Stephanie Baues' Los war es, Buchbinderin zu werden – daran besteht kein Zweifel, wenn sie mit leuchtenden Augen von ihrem Handwerk erzählt. Auch wenn zwischen Matthias und Stephanie auf den ersten Blick keine Verbindung besteht, ist da eine. Doch die offenbart sich erst nach einer Weile.
Die Holztüre des wunderschönen Fachwerkhauses in der Kalenberger Sternenbergstraße öffnet sich. Eine recht steile Treppe führt in die kleine Werkstatt. Sie ist so vollgestellt, dass es eine Weile braucht, sich ein Bild zu machen. Ein Tisch ist das zentrale Element.

Dieses Glück strahlt sie aus
Es geht durch einen schmalen Gang vorbei an gelben Post-Kisten, die voller Bücher sind. Im Esszimmer stehen ein Tisch, eine Bank, Stühle und – ja und eine grüne Maschine. „Das ganze Haus steht voll mit meinen Werkzeugen – außer im Schlafzimmer“, sagt Baues mit einem einnehmenden Lächeln. Auf die Buchfadenheftmaschine im Ess-, das gleichzeitig Beratungszimmer ist, ist sie besonders stolz. „Ich konnte sie von einem Buchbinder aus Köln erwerben, der seine Selbstständigkeit aufgegeben hat“, so Baues.
Sie hat den Schritt in die andere Richtung gewagt – aus der abhängigen Beschäftigung in die Selbstständigkeit. Seit 1998 habe sie nebenbei auch selbstständig gearbeitet. „Alles, was ich damit verdient habe, habe ich reinvestiert in Maschinen und Material“, so die 42-Jährige. Für ihren eigentlichen Beruf in einer Kölner Buchbinderei musste sie täglich pendeln. Dann sei in ihrer Firma einiges „in die Binsen gegangen“. „Im Sommer vergangenen Jahres habe ich mir gesagt: Da fahr ich nicht mehr hin.“ Sie habe sich komplett auf eigene Füße gestellt. „Und damit bin ich unheimlich glücklich“, so die Buchbinderin.
Dieses Glück strahlt sie auch aus. Wenn sie etwa von der Restaurierung eines besonderen Buchs aus dem Jahr 1570 erzählt. „Das sah schrecklich aus, als es in einer Plastiktüte zu mir kam“, so Baues. Es habe eine Delle im Rücken gehabt, so dass vorne die Seiten herausstanden. In mühevoller Kleinarbeit hat sie alles in Form gebracht. „Das hat mich Wochen gekostet“, so Baues. Diese Arbeit konnte ihr die Auftraggeberin nicht wirklich bezahlen. „Die Hälfte des Auftrags war Liebhaberei“, so die Kalenbergerin. Neben Restaurierungen von historischen Büchern oder Reparaturen von viel genutzten Werken stellt sie Kästchen für die Ordnung im Büro her oder um darin Preziosen stilvoll aufzubewahren. Außerdem kreiert sie Leporellos, damit Erinnerungen in dieses Faltheft geklebt werden können, oder sie bindet massenhaft Bücher für die Uni Bonn neu ein.
„Das lohnt sich für beide Seiten“
„Daher die gelben Post-Kisten im Keller“, erzählt Baues. Darin befinden sich Bücher aus dem Sondersammelgebiet Romanistik, für das die Uni Bonn zuständig ist. Die Taschenbücher verwandelt Stephanie Baues dann in fest eingebundene Exemplare. „Die Uni hat herausgefunden, dass die Taschenbücher nach fünf bis sieben Ausleihen ausgetauscht werden müssen“, so die Buchbindemeisterin. Wenn sie fest eingebunden seien, würden die Bücher sogar über 15 Ausleihen aushalten. „Das lohnt sich für beide Seiten“, sagt Baues. Neben dieser „Routine-Arbeit“ fertigt Baues auch ganz besondere Exemplare. Etwa Bücher aus feinem Büttenpapier mit Holzdeckel-Einband und Lederrücken. „Das wird meist als Gästebuch verwendet“, so Baues. In dem Exemplar, das sie dabei in der Hand hält, ist im Holzdeckel eine versteinerte Schnecke eingearbeitet – eine wunderschöne Arbeit.
Daneben stehen zwei Bücher, die aussehen, als hätten sie Zipfelmützen an. „Dazu hat mich eine Darstellung des heiligen Matthias inspiriert“, sagt Stephanie Baues. Der Heilige werde mit einem Beil und oft auch mit einem Buch dargestellt. „Und in einer Darstellung trägt er dieses Beutelbuch am Gürtel“, so Baues. Die Idee für ihre freie Arbeit, die Bestandteil der Meisterprüfung war, die sie 1997 ablegte, war geboren. Diese Bücher seien eine Modeerscheinung zwischen 1450 und etwa 1520 gewesen. „Dabei wird der Einband länger gelassen und am Ende des Beutels ein Knoten angebracht“, so Baues. Dieser könne dann unter den Gürtel geschoben werden.

Dank des heiligen Matthias
Weil das Buch am Bein baumelt, muss vorne noch ein Verschluss angebracht werden. „Außerdem hängt das Buch auf dem Kopf in dem Beutel“, so Baues. Dann kann der Träger es zur Hand nehmen und am Gürtel befestigt lesen. Es sei damals etwa als Stundenbuch von Ordensleuten verwendet worden. Auch Kaufleute hatten diese Variante des Buchs als „Notizblock“. Später seien die Beutelbücher dann verschwunden. „Die Zipfel wurden meist abgeschnitten, damit die Bücher besser in Regale passten“, so Baues. So gebe es nur etwa 20 Beutelbücher im Originalzustand aus der Zeit des 15. Jahrhunderts.
Bei Stephanie Baues lassen sich inzwischen Kunden – darunter auch Ordensleute – diese besondere Buchform wieder anfertigen. Dank des heiligen Matthias, mit dem die Buchbinderin irgendwie verbunden scheint. Nicht nur wegen der Beutelbücher. Auch weil Stephanie Baues Matthias-Pilgerin ist und so kam es, dass die gebürtige Mönchengladbacherin ihren Mann Bert Hausmann, der aus Kalenberg stammt, während einer Wallfahrt kennenlernte. Auch hier scheint sie, wenn sie so erzählt, das richtige Los gezogen zu haben – wie Matthias. 


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Das schöne Los der Buchbinderin



Zwischen dem Garn in der Buchfadenheftmaschine blickt Stephanie Baues hindurch. Sie ist Buchbindemeisterin. Foto: © Ronald Larmann


 

Das Material ist gut sortiert. Foto: © Ronald Larmann